Eine Abstimmung, die Europa überraschte
Im Jahr 2018 startete die Europäische Kommission eine Online-Befragung zur Zukunft der Zeitumstellung — eigentlich als formale Konsultation gedacht, ohne große Erwartungen. Was folgte, überraschte selbst die Initiatoren: 4,6 Millionen Europäer beteiligten sich, mehr als bei jeder anderen EU-Umfrage zuvor. Das Ergebnis war eindeutig: 84 Prozent sprachen sich für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. Deutschland war mit über drei Millionen Teilnehmern das aktivste Land.
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker reagierte prompt und kündigte an, die Zeitumstellung abschaffen zu wollen. „Die Menschen wollen das — wir setzen es um", fasste er die Stimmung zusammen. Im März 2019 stimmte das Europäische Parlament mit 410 zu 192 Stimmen für das Ende der Zeitumstellung, ursprünglich geplant für 2021.
Warum die Abschaffung trotzdem nicht kam
Das Europäische Parlament kann Richtlinien beschließen, aber ohne die Zustimmung des EU-Rates — in dem die Regierungen der 27 Mitgliedstaaten vertreten sind — tritt kein Gesetz in Kraft. Und genau hier stockt der Prozess bis heute.
Das Kernproblem: Jedes EU-Land darf selbst entscheiden, welche Zeit es dauerhaft behalten möchte. Ohne Koordination droht ein Flickenteppich — manche Länder wählen Sommerzeit, andere Winterzeit, wieder andere vielleicht eine ganz neue Zeitzone.
Die Diskussionen im EU-Rat offenbarten schnell, wie komplex das Thema ist. Spanien liegt geografisch in der UTC-Zone, nutzt aber aus historischen Gründen die mitteleuropäische Zeit — und möchte die Sommerzeit behalten. Polen und die baltischen Staaten tendieren zur Winterzeit. Frankreich zögert. Würde Deutschland Winterzeit wählen und Frankreich Sommerzeit, hätten die beiden wichtigsten EU-Volkswirtschaften dauerhaft eine Stunde Zeitdifferenz — das hätte erhebliche Folgen für Handel, Pendlerverkehr und internationale Unternehmen.
Die Positionen der großen Länder
Deutschland hat sich offiziell nicht festgelegt, tendiert aber laut Bundesregierung zur Winterzeit — im Einklang mit den wissenschaftlichen Empfehlungen. Frankreich ist gespalten: Die Bevölkerung bevorzugt die Sommerzeit, aber die Koordination mit Deutschland ist politisch wichtiger. Die skandinavischen Länder, die geografisch weit im Norden liegen, haben andere Bedürfnisse als südliche Länder wie Portugal oder Griechenland — dort ist der Unterschied zwischen Sommer- und Wintersonnenstand ohnehin geringer.
Hinzu kommt, dass das Thema in vielen Ländern innenpolitisch an Priorität verloren hat. Die COVID-Pandemie, der Ukrainekrieg, die Energiekrise — die EU-Agenda der letzten Jahre war voll. Die Zeitumstellung rutschte auf der Prioritätenliste nach unten.
Was jetzt passiert
Formal ist der Parlamentsbeschluss von 2019 noch gültig — die EU-Staaten könnten jederzeit eine Einigung erzielen und die Abschaffung beschließen. Doch ohne koordinierten Termin und ohne Einigung auf ein gemeinsames Vorgehen wird das nicht passieren. Solange der EU-Rat schweigt, dreht sich die Uhr weiter — zweimal im Jahr, wie seit 1996.
Was bleibt, ist eine seltene Einigkeit in der europäischen Bevölkerung: Quer durch alle Länder, Parteien und Altersgruppen wollen die meisten Menschen keine Zeitumstellung mehr. Die Politik hat es nur noch nicht geschafft, diesen Willen in ein gemeinsames Gesetz zu übersetzen.